02.03.2006 — Frankfurter Allgemeine Zeitung

Klangsinn des Augenblicks

Peter Hirsch dirigiert Werke von Luigi Nono und Anton Bruckner in Mainz

„Seine Töne sind Kuppeln, golden schimmernde Kuppeln. Wenn man sie richtig spielt, geht einfach der Himmel auf“: Der Dirigent Peter Hirsch beschreibt die meist von der menschlichen Stimme hergeleitete Musik des großen venezianischen Neutöners Luigi Nono pathetisch, mit Moral und Leidenschaft. ...
Die Architekturmetapher kommt bei Hirsch nicht von ungefähr. Wenn der Dirigent beim nächsten Sinfoniekonzert des Staatstheaters Mainz Werke von Anton Bruckner, Bruno Maderena und Luigi Nono aufführt, geht es bei allen Komponisten um die Räumlichkeit des Klangs, die Verräumlichung von Musik und architektonischr Formprinzipien.. Hirsch kann dabei auf zwei musikalische Leidenschaften aufbauen, auf Bruckner und Nono. Die Musik von Bruckner gilt ohnehin als klingende Architektur. Bei dem in Mainz gespielten Werk „A Carlo Scarpa“ (Nono-Freund und Architekt) geht es um den musikalischen Raum, wie er sich in der Zeit ereignet. Zwischen der ersten und zweiten Fassung von Nonos grandioser „Tragödie des Hörens“, dem „Prometeo“, wollte Nono ganz ohne Elektronik seine kleinsten Tonbewegungen auch rein instrumental erproben: Das Stück besteht nur aus zwei Tönen: c und es, also einer kleinen Terz, das Mollterz. Diese wird aber - und das ist die Herausforderung an das Orchester - in Viertel-, Achtel- und sogar Sechzehntelintervalle aufgespalten. Innerhalb dieser Mikrointervallik ereignet sich dann das Große, die Öffnung des Himmels.
Auch hier gilt Hirschs Einsicht in die - wie es früher hieß - Produktionsbedingungen des musikalischen Materials für beide Komponisten, Bruckner wie Nono. In der musikalischen Dauer, Bergsons La Durée, von Nonos bewußtseinsverändernder Musik findet genau jener „Klangsinn des Augenblicks“ und die Perspektive der großen Form“ statt, die Hirsch auch für Bruckners unvollendet gebliebene neunte Sinfonie proklamiert. Unvollendet? Hirsch sieht das anders. In Mainz wird erstmals in einem öffentlichen Konzert das gewaltige Werk mit dem zu hören sein, was von dem ohnehin fragmentarisch gebliebenen, in einzelnen, losen Blättern weit verstreuten letzten Satz noch auffindbar und wieder zusammenfügbar war.

Hirsch strebt nicht eine Rekonstruktion an. ... Kompromißlos konsequent und dadurch vielleicht noch näher an die Intention des Komponisten rückend, will Hirsch an denjenigen Stellen der durchweg spartierten und mit Periodenzeichen versehenen Blätter keine Musik spielen, wo auch keine Musik steht. Es werden also am Ende einer guten Stunde Bruckner Pausen im Vortrag entstehen. ... Hirsch wünscht sich, daß auf diesem Weg in die Stille die philosophisch durchdrungene musikalische Architektur Bruckners als Vision im inneren Ohr des Zuhörers klingende Gestalt annimmt. ... In Hirschs „Weiterhören ins Nichts“ von Bruckners Musik wird man vielleicht auf Nono treffen?

Achim Heidenreich

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