12.01.1987 — Abendzeitung

Radikal werktreuer „Figaro“ an der Frankfurter Oper - Dirigent Peter Hirsch lenkte Theatralik

Radikal und werkgetreu, das eine wie das andere unübersehbar, geht es bei der neuen Frankfurter „Hochzeit des Figaro“ zu. In der vorletzten Opern-Premiere der zehnjährigen Ära Gielen debütierte Schauspielregisseur Jürgen Gosch (Thalia-Theater) mit Mozart. Auf leergefegter, von drei Leinwänden umstellter Bühne, trieb er dem Stück alle angespeckte Possierlichkeit aus und führte die bitter nachschmeckende Komödie auf den Kern ihres Konfliktes zurück. Der junge Dirigent Peter Hirsch bot die frappierenste theatralische Leistung. Selten erlebt man ein so bis ins Detail mit der Szene abgestimmtes, Impulse aufnehmendes und verarbeitet weitergebendes Orchester. Klang- und Bildregie verschmelzen mit der Personenführung. Das Einschüchterungswort „Gesamtkunstwerk“ hat plötzlich wieder lapidare Qualität. Uneingeschränkter Jubel für die Musikanten, die übliche Aufregung bei der Verbeugung von Gosch&Co.


... Wie der Regisseur erst Haltungen vorführt und die folgenden Ausbrüche (die freilich mit Befreiung immer nur bedingt zu tun haben) daraus erklärt, motiviert der Dirigent sein Konzept aus unzähligen Mosaik-Teilchen. Auf die rhythmisch hart federnde Ouvertüre folgen kontrastreiche, auf die jeweilige Stimmung zugeschnittene Interpretationen. Ein Skizzenblock voller Eindrücke, die sich erfolgreich jeder stilistischen Umklammerung widersetzen. Daraus entsteht ein spannendes, in solch vorbehaltloser Partnerschaft rares Wechselspiel zwischen Bühne und Orchestergraben, geradezu Webkunststück aus musikalischen und szenischen Motiven. Ein Teil der Inszenierung steckt also im Taktstock des Kapellmeisters. Noch größere Komplimente kann man dem gar nicht machen.

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